Digitale Barrierefreiheit: Vom Nice-to-have zum Standard

Entwicklung, Design, Technologie

Karima Laghrami

8. Juni 2026

Digitale Barrierefreiheit sorgt dafür, dass Websites und digitale Inhalte für möglichst viele Menschen zugänglich und nutzbar sind, unabhängig von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen.

Dazu gehören beispielsweise Menschen mit

  • Sehbehinderungen oder Blindheit

  • Hörbeeinträchtigungen

  • motorischen Einschränkungen

  • kognitiven Einschränkungen

  • altersbedingten Einschränkungen

Barrierefreiheit verbessert jedoch nicht nur die Zugänglichkeit für betroffene Personen, sondern allgemein die Benutzerfreundlichkeit, Lesbarkeit und Qualität einer Website.

Aktuelle Entwicklungen 

Barrierefreiheit entwickelt sich zunehmend von einer optionalen Optimierung hin zu einem festen Bestandteil moderner digitaler Anforderungen. Immer mehr Unternehmen setzen sich deshalb frühzeitig mit dem Thema auseinander, nicht nur aus regulatorischen Gründen, sondern auch wegen steigender Erwartungen an gute digitale Nutzererlebnisse.

In der Schweiz gewinnt das Thema zusätzlich durch die geplante Teilrevision des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) an Bedeutung. Ab voraussichtlich 2027 sollen auch private Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden, wenn sie öffentlich zugängliche digitale Angebote betreiben, zum Beispiel Websites, Online Shops oder Apps.

In der Praxis orientieren sich viele Organisationen dabei bereits heute an internationalen WCAG-Richtlinien (Web Content Accessibility Guidelines) sowie am Schweizer Standard eCH-0059.

Das Ziel ist eine bessere digitale Zugänglichkeit für alle Menschen und eine stärkere Ausrichtung an internationalen Standards sowie dem European Accessibility Act (EAA).

Damit wird Barrierefreiheit für viele Unternehmen künftig nicht mehr nur eine freiwillige Qualitätsfrage, sondern ein fester Bestandteil digitaler Anforderungen.

Warum Barrierefreiheit heute mehr als ein "Nice-to-have" ist

Viele Unternehmen betrachten Barrierefreiheit noch immer als Zusatzfunktion oder als Thema, das nur öffentliche Institutionen betrifft. In der Praxis betrifft digitale Zugänglichkeit jedoch einen deutlich grösseren Teil der Bevölkerung, als häufig angenommen wird.

Es gibt nicht nur dauerhafte, sondern auch situative oder temporäre Barrieren:

  • schlechte Lichtverhältnisse auf mobilen Geräten

  • gebrochene oder verletzte Hände

  • laute Umgebungen ohne Ton

  • altersbedingte Einschränkungen

  • langsame Internetverbindungen

  • kleine Bildschirme oder ältere Geräte

Gleichzeitig steigen die Erwartungen an moderne digitale Plattformen. Nutzer:innen erwarten heute:

  • klare Navigation

  • gut lesbare Inhalte

  • einfache Bedienbarkeit

  • schnelle Orientierung

  • verständliche Formulare

  • funktionierende mobile Nutzung

Viele dieser Anforderungen überschneiden sich direkt mit den Prinzipien der digitalen Barrierefreiheit.

Eine barrierefreie Website verbessert häufig die Nutzung für alle Besucher:innen, nicht nur für Menschen mit Behinderungen.

Vorteile von barrierefreien Websites

Barrierefreiheit bringt nicht nur rechtliche Sicherheit, sondern bietet auch konkrete Vorteile für Unternehmen und Organisationen:

Grössere Reichweite

Eine zugängliche Website erreicht mehr Menschen und reduziert digitale Hürden für unterschiedliche Nutzer:innen.

Bessere Benutzererfahrung

Klare Strukturen, verständliche Inhalte und gut bedienbare Interfaces verbessern die allgemeine Nutzererfahrung und erleichtern die Orientierung auf der Website.

Verbesserte mobile Nutzung

Barrierefreie Websites funktionieren häufig auch auf mobilen Geräten besser, da Inhalte strukturierter aufgebaut und Interaktionen klarer gestaltet sind.

Positive Auswirkungen auf SEO

Suchmaschinen profitieren ebenfalls von sauber strukturierten Inhalten, semantischem HTML, Alternativtexten und klaren Navigationsstrukturen.

Wer Barrierefreiheit früh berücksichtigt, reduziert spätere Anpassungen und schafft eine nachhaltigere technische Grundlage für zukünftige Anforderungen.

Standards und Richtlinien

Die Grundlage für digitale Barrierefreiheit bilden die internationalen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).

Die WCAG definieren Anforderungen an:

  • Wahrnehmbarkeit

  • Bedienbarkeit

  • Verständlichkeit

  • Robustheit

Die Richtlinien sind in drei Konformitätsstufen gegliedert:

  • WCAG A

  • WCAG AA

  • WCAG AAA

WCAG-Konformitätsstufen: Jetzt wird’s technisch

WCAG A – Grundlegende Barrierefreiheit

Die minimale Stufe der Barrierefreiheit.

Ziel ist es, grundlegende Hindernisse zu vermeiden, damit Inhalte überhaupt zugänglich und bedienbar sind.

Typische Anforderungen (Ausschnitt):

  • Bilder besitzen Alternativtexte

  • Inhalte sind mit Tastatur bedienbar

  • Formulare sind korrekt beschriftet

  • Videos enthalten keine Inhalte, die gesundheitliche Risiken auslösen

  • Inhalte sind technisch korrekt strukturiert

WCAG AA – Erweiterte und empfohlene Barrierefreiheit

Die am häufigsten verwendete und empfohlene Stufe.

WCAG AA verbessert die Nutzbarkeit deutlich und bildet die Grundlage vieler gesetzlicher Anforderungen sowie des Schweizer Standards eCH-0059.

Zusätzliche Anforderungen gegenüber WCAG A (Ausschnitt):

  • Kontraste (Mindest-Kontrastverhältnis von 4.5:1 für Fliesstext bzw. 3:1 für grosse Schrift)

  • Multimedia (Untertitel und Transkripte für Videos)

  • Strukturierte Inhalte

  • Tastatur-Navigation

  • Formulare (verständliche Fehlermeldungen und Eingabehilfen)

  • Farben (keine alleinige Verwendung von Farben zur Unterscheidung oder Informationsvermittlung. Zudem sollten farbige Elemente wie Buttons, Grafiken oder Symbole mindestens ein Kontrastverhältnis von 3:1 aufweisen.)

  • Interaktive Elemente (ausreichende Grösse und klare Markierung von Links und Buttons)

  • Responsivität (Inhalte bleiben auch bei Zoom oder vergrösserter Schrift nutzbar)

WCAG AAA – Maximale Barrierefreiheit

Die höchste und umfassendste Stufe der Barrierefreiheit.

Zusätzliche Anforderungen gegenüber WCAG AA (Ausschnitt):

  • Noch höhere Kontrastwerte (über 7:1 für Fliesstext)

  • Sehr einfache und verständliche Sprache

  • Erweiterte Unterstützung für Screenreader (z. B. durch ARIA-Rollen und Landmarks)

  • Zusätzliche Orientierungshilfen und verbesserte kognitive Zugänglichkeit

  • Erweiterte Bedienbarkeit für motorische Einschränkungen (z. B. Unterstützung für alternative Eingabegeräte wie Sprachsteuerung oder Eye-Tracking)

  • Gebärdensprache oder zusätzliche Medienalternativen für Multimedia-Inhalte

  • Reduktion oder optionale Deaktivierung von Animationen, die ablenken könnten

  • Erweiterte Individualisierungsmöglichkeiten (z. B. verschiedene Darstellungsmodi wie helles und dunkles Design)

  • Icons mit erklärendem Text

  • Interaktive Elemente mit zusätzlichem Audio- oder visuellem Feedback

WCAG AAA ist in der Praxis oft nur teilweise vollständig umsetzbar, insbesondere bei komplexen Projekten. Deshalb wird häufig WCAG AA als Standard gewählt und punktuell mit AAA-Massnahmen ergänzt.

Barrierefreiheit wird Standard

Nicht heute, nicht morgen, aber es wird kommen. Digitale Barrierefreiheit entwickelt sich Schritt für Schritt von einem Spezialthema hin zu einem festen Bestandteil moderner Websites und digitaler Plattformen.

Kommt dir das bekannt vor? Ähnlich verlief bereits das Thema Datenschutz bei Websites und digitalen Anwendungen: Lange galt Datenschutz ebenfalls als optionales "Nice-to-have", heute gehört er zu den grundlegenden Anforderungen moderner digitaler Projekte.

Mehr zum Thema Datenschutz und digitale Anforderungen findest du auch in unserem Blogartikel:
Datenschutz & KI: Was Schweizer Unternehmen bei Websites beachten müssen

Auch bei der digitalen Barrierefreiheit zeigt sich zunehmend dieselbe Entwicklung. Wer sich frühzeitig mit Accessibility beschäftigt, schafft nicht nur zugänglichere Websites, sondern insgesamt bessere digitale Produkte.

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